Pflichtvergessene Politiker
Quelle: Helmut Müller
Die Pflicht ist eine Schuld, die auch ein Politiker zu begleichen hat, will er nicht in den moralischen Bankrott schlittern. Zu den allgemeinen Pflichten eines jeden Menschen gehört es, ungeschriebenes Gesetz gewordene Gebote nicht gänzlich zu ignorieren. Zu diesen gehört die überlieferte Empfehlung, über Tote nur Gutes zu sagen. Oder eben zu schweigen.
Dieser weise Rat scheint bei einigen Politikern noch nicht ganz angekommen zu sein. Unter diesen finden sich ausgerechnet solche, die zu Lebzeiten eines inzwischen verstorbenen Parteiführers ausschließlich durch diesen und mit ihm hochgekommen sind.
Ohne ihn bzw. seine Erfolge hätte so mancher seiner damaligen Apostel finanzielle, wenn nicht schon arge existenzielle Probleme bekommen.
Nennen wir die Dinge beim Namen: Über Jörg Haider wurde eigentlich schon genug Kritisches und Nachteiliges gesagt. Auch von mir. Aber jetzt sollte auch der Mensch Haider seine Ruhe haben.
Was den Politiker Haider betrifft, so mögen jene die Wahrheit erkunden und Recht sprechen, die dazu befugt sind. Ehemalige Kameraden eignen sich weder als öffentliche Ankläger noch als Richter.
Nur um der Popularität wegen politisches Kleingeld auf dem Rücken eines Toten zu wechseln, wäre wenig ehrenhaft. Wie glaubwürdig ist man übrigens, wenn man jenen, den man verdammt, gleichzeitig von A bis Z nachahmt?
Adalbert Stifter bezeichnete als die erste und große Eigenschaft eines Politikers die Rechtschaffenheit des Charakters und die feste Tugend seines Herzens. Außerdem sind, wie ich meine, Geduld und Beherrschung, vielleicht auch ein Schuß Selbstverleugung, einem leicht erregbaren Willen vorzuziehen. Zuviel verlangt?
Noch eine abschließende Frage, dann gebe ich schon Ruhe: Was hinderte jene einstigen Gefährten Haiders, die jetzt als Ankläger auftreten, schon zu dessen Lebzeiten, wie es die Pflicht fordert, mit den ihnen längst bekannten Fakten an die Öffentlichkeit zu treten? Moralische Feigheit oder was?


